Wir sind Leistungsträger!

März 6, 2012

Über die Veranstaltung gestern werde ich noch ausführlicher und sachlicher schreiben.:-) Nur so viel jetzt schon: Es waren von jeder Partei Vertreter da – und das hat uns sehr gefreut. Es kam zu einer spannenden und – wie ich finde – auch ganz offenen Diskussion mit den Bezirksverordneten und den Mieterinnen im Haus, über die ich noch berichten werde.

Doch irgendwie gehen mir ein paar der Fragen, die gestern so im Haus herumschwirrten nicht aus dem Kopf. Eine Anekdote finde ich so bezeichnend, dass ich sie kurz erzählen will. Eine unserer Unternehmerinnen (gestandene 55 Jahre alt, seit 22 Jahren erfolgreich selbstständig, hat 3 Büros bei uns angemietet, 2 Angestellte + Honorarkräfte) wurde gefragt, ob sie denn davon leben könne. Die Fragende war eine der Bezirksverordneten. Die Befragte war verständlicherweise ziemlich irritiert über diese Frage.

Heute morgen erzählte ich diese Anekdote einer Büronachbarin hier auf dem Flur, die gleich empört erklärte, dass sie immerhin 9 Jahre lang eine vierköpfige Familie ALLEIN ernährt hat.

Nur zum allgemeinen Verständnis:

Wir sind Unternehmerinnen.

Wir machen Umsatz und Gewinn.

Wir sind im Haus über 100 Arbeitsplätze.

Wir erwirtschaften Steuereinnahmen.

Wir arbeiten vernetzt, kooperativ, hierarchiefrei – wir sind die Zukunft des Arbeitens. Und ich finde es deshalb hochgradig ärgerlich, dass man uns seitens des Bezirks behandelt, als wären wir Transferleistungsempfängerinnen, die auf Wohltätigkeiten des Bezirks angewiesen ist.

Es geht hier um Gemeineigentum – das Haus gehört de facto uns Bürgern und Bürgerinnen der Stadt.  Wir Mieterinnen nutzen es.  Wir zahlen Miete. Wir pflegen und sanieren das Haus – nach und nach, so wie es unsere Mittel erlauben. Die Gründerinnen des Hauses können ein Lied davon singen, was es hieß, hier eine Baustelle zu übernehmen und daraus Räume zu schaffen, in denen man gerne arbeitet und Kunden empfangen kann. Mittlerweile sind durch private Investitionen der Mieterinnen und durch unsere regulären Mieten mehr als eine halbe Million Euro in die Sanierung des Hauses geflossen.

Wenn wir wenigstens darüber streiten müssten, wieso man jetzt unbedingt Künstler hier haben will oder wieso man gerade ein Unternehmerinnenzentrum hier arbeiten lässt…….aber das passiert ja nicht. Inhaltlich finden uns ja alle ganz toll (sind wir ja auch:-)). Aber die Sachzwänge, Sie verstehen.

Advertisements

9 Responses to “Wir sind Leistungsträger!”


  1. Wow, das ist ja ein Ding, Barbara 😉 Es ist doch wirklich unglaublich, was die Frauen sich teilweise bieten lassen müssen. Da sieht man mal wieder wie weit es mit der männlichen Emanzipation ist: teilweise fragt man sich, ob die Menschen hinter dem Mond leben.

    Zum Glück lassen wir uns nicht davon einschüchtern!

    Ole auf alle Unternehmerinnen!

    Herzliche Grüße
    Natalie


  2. Liebe Natalie, das hast du völlig recht!:-)


  3. Wobei die Fragende auch eine Frau war. Frauen können ja durchaus auch Blödsinn fragen.:-D

  4. J. Brandner Says:

    Beschwören kann ich es nicht, aber wenn jemand aus dem Bekanntenkreis SGB II Leistungen vom Jobcenter erhält, taucht früher oder später i.d.R. mehr oder weniger offen eine Frage an mich auf. Die meisten Probleme mit dem Jobcenter haben ja paradoxerweise die, die arbeiten und nicht die, die nicht arbeiten. Nach meinem Kenntnisstand bezieht demnach keine der Unternehmerinnen hier Sozialleistungen. Eigentlich zeigt die Bemerkung der Abgeordneten gerade, wie dringend notwendig es ist, Unternehmerinnentum sichbar(er) zu machen.

  5. Irene Says:

    Was wäre denn jetzt so furchtbar dran, wenn eine dabei wäre, die mal aufstockt, nachdem der Hauptkunde pleite geht oder sonst irgendwas Blödes passiert?

    Schon klar, dass man Anerkennung dafür will, wenn man so ein Haus saniert. Aber Aufstocken zum No-Go zu erklären, das kann es doch auch nicht sein, oder? (Schon die Kullmann gelesen?)

    Grüße aus Bayern an den Transferleistungsempfänger Berlin 😉

  6. Sem Says:

    Mir ist bewusst, dass eine Frage danach, ob eine Unternehmerin von den Früchten ihrer Arbeit leben kann, als Abwertung der eigenen Leistungen aufgefasst werden kann und je nach Person und Situation wahrscheinlich auch aufgefasst werden muss. Jedoch ist es unsäglich, sogenannte Transferleistungen als Wohltätigkeit abzutun und alle, die diese eben benötigen, gleich mit abzukanzeln. Es sind gesellschaftliche Realitäten, dass viele Menschen – gerade auch Frauen – von ihrer Arbeit nicht leben können und deswegen das Recht haben, unterstützt zu werden. Vor allem bei den Bedingungen, unter denen wir arbeiten – ob freiberuflich oder als Beschäftigte.

    Es steht meiner Meinung nach einem Unternehmerinnenzentrum nicht gut zu Gesicht – gerade einem, dass sich als hierarchiefrei und solidarisch bezeichnet – Menschen abzuwerten, die Transferleistungen beziehen. ich kenne viele freiberufliche Frauen, die das tun müssen.

    „Wir sind Leistungsträger.“ Ich kann diesen neoliberalen Spruch nicht mehr hören. Wir möchten alle für unsere Leistungen anerkannt und auch bezahlt werden, jedoch Unterstützung vom Staat dafür zu erhalten, ist keine Absprache meiner Fähigkeiten.


  7. Liebe Irene, liebe Sem,

    das ist bei euch wohl definitiv falsch rüber gekommen. Gegen Transferleistungen und ihre Empfängerinnen war das ganz gewiss nicht gemünzt! Sondern gegen die Haltung des Bezirksamtes und einiger Entscheider, die uns als Bittstellerinnen betrachten. Diese paternalistische Haltung von oben, die glaubt uns eben Wohltaten angedeihen lassen zu müssen, hat mich genervt. Dass es viele FreiberuflerInnen gibt, die immer mal wieder aufstocken müssen, weiß ich wohl. Und deren Leistungen will ich ganz gewiss nicht schmälern. Im Gegenteil. Wer in Berlin wohnt, weiß wie prekär die wirtschaftliche Situation gerade vieler Selbstständiger ist. „Arm, aber sexy“ – ist nur so ein blöder Spruch, der verschleiert, was für Zumutungen das für Betroffene gerade auf den Ämtern mitsich bringt. Nur: In unserem Fall sehe nicht dieses Machtgefälle zwischen Amt und Menschen, die in einer Notsituation sind. Wir wollen ja keine Unterstützung und Hilfe. Uns reicht es schon, wenn man uns nicht das kaputt macht, was wir aufgebaut haben.

    Liebe Grüße: Barbara


  8. […] das Unternehmerinnenzentrum und Atelierhaus Sigmaringer1 ver­kaufen. Dort herrscht nicht zuletzt Ärger darüber, dass im Zuge des Kampfes gegen den Verkaufs die Gründerinnen, Unternehmerinnen, Investorinnen und […]

  9. J. Brandner Says:

    Genau, es geht darum, dass teilweise Gerüchte zirkulieren, wir würden keine Miete zahlen, etc., dabei basiert das derzeitige Treuhandmodell mit der GSE gGmbH ja darauf, mit unseren Mieten das Gebäude zu sanieren.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: