Judith Brander – Rechtsanwältin

Februar 26, 2012

Büro Judith BranderFür den Erhalt des Tafelsilbers

Ich war Mitglied der Gründungsgruppe des UCW. Kurz vor Weihnachten 2004 erhielt ich einen Schlüssel zum ehemaligen Gesundheitssamt Wilmersdorf und richtete dem Projekt UCW im 3. OG ein Büro ein. Das Gesundheitsamt sollte im Sommer 2005 in das Gebäude an den Hohenzollerndamm ziehen. Ich stellte fortan das geplante Projekt Unternehmerinnen- und Gründerinnenzentrum Charlottenburg – Wilmersdorf – UCW berlinweit auf Gründungstreffen und Unternehmerinnenveranstaltungen vor.

Mehr als 200 mal habe ich in dem provisorischen Büro im Gesundheitsamt einzelnen Gründerinnen und Unternehmerinnen das Vorhaben erklärt. Die Einblicke, die ich dabei in die jeweiligen Biographien erhielt, faszinierten mich. Ich lernte, dass das, was bei anderen immer so schön gradlinig und geplant aussieht, es oft ursprünglich gar nicht war. Manchmal fügen die Dinge sich tatsächlich, wenn man nur bereit ist, sich oft und weit genug umzusehen. Auch in mir reifte langsam der Gedanke, mich selbständig zu machen. Als sich eine Interessentin vorstellte, die 20 Jahre ein Restaurant betrieben hatte und nun wieder als Anwältin arbeiten wollte, begannen wir, uns gemeinsam auf unsere Selbständigkeit vorzubereiten. Diese Art von Zusammenarbeit sollte exemplarisch sein für viele Projekte, die folgten und die nur entstehen können, wenn man sich regelmäßig begegnet und austauscht. Wir, der damalige Beirat u.a. mit Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen, der Gleichstellungsbeauftragten Christine Rabe und der Herausgeberin des Bezirksmagazins, Frau Jahn (Euramedia Werbung), waren gespannt, welche Frauen kommen würden und wie viele.

Zunächst einmal war nur eine Etage als Unternehmerinnenzentrum geplant. Die Gesellschaft für Stadtentwicklung, GSE gGmbH, sollte die anderen Etagen anderweitig füllen. Im kleineren Vorderflügel oberhalb der Dietrich – Bonhoeffer – Bibliothek sollte der BBK Berlin ein Atelierhaus einrichten. Unsere Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Das Haus füllte sich rasch. Etage um Etage wurde hinzugenommen. Als ich sah, wie schnell die Büros belegt wurden, zog ich im 4. OG ein und bin heute noch dort mit einem erweiterten Büro. Ich wechselte die Seiten und war nicht länger Organisatorin, sondern Mieterin und Unternehmerin.

Mit jedem Einzug herrschte Baulärm und erhöhtes Staubaufkommen. Die gleichförmigen Räume des Gesundheitsamtes verwandelten sich in die verschiedensten Räumlichkeiten und erhielten ganz unterschiedliche Charaktere. Wände wurden versetzt, Böden verlegt. Jede Mieterin hat ihre Räumlichkeiten in Stand gesetzt und viel investiert. Seither ist das Haus immer voll besetzt. Es gibt eine lange Warteliste. Die Fluktuation ist nicht sehr hoch. Ich habe Jahre warten müssen, bis meine Büronachbarin ein Stockwerk höher gezogen ist und ich ihr Büro dazu mieten konnte. Einige finden sich hier und ziehen gemeinsam woandershin. Zeitweise waren wir fünf Anwältinnen. Die Professionen der anderen Unternehmerinnen, die Verbände, Vereine und GmbH`s sind vielfältig.

Das Haus ist generationsübergreifend. Hier sind Frauen, die als junge Mädchen ihren Beruf nicht wählen durften und Krankenschwester gelernt haben, obwohl sie Architektin oder Tänzerin sein wollten. Sie haben hier nun ihren Traum verwirklichen können. Auch Unternehmerinnen mit Migrationshintergrund konnten sich hier selbständig machen. Ich staune immer wieder, wie viele Frauen ihre Familie mit ihrer Arbeit ernähren, ganz still und unspektakulär.

Neben meinem Büro ist der Konferenzraum. Die Tagungsmöglichkeit wird von den vielfältigsten Organisationen wahrgenommen, die Nachbarschaft wählt hier und hält hier Eigentümerversammlungen ab. Parteien tagen hier, einmal war das Haus voll mit Schildern der Piratenpartei, als man noch gar nicht wusste, wer das ist. Der Landesfrauenrat, der Arbeitskreis Frauengesundheit, Business Professional Women, das Bundesbüro des Equal Pay Day, sie alle laden zu uns ins Haus ein, man kann sich hier regelmäßig politisch aus erster Hand informieren. Zahlreiche Projekte und Netzwerke mit den umliegenden Unternehmen haben sich gebildet. Die Post und die PIN AG haben weitere Briefkästen aufgestellt. Das gastronomische Angebot um das Haus herum hat sich erweitert. Wer die gut ausgestattete Bibliothek nutzt, schaut auch bei uns vorbei und umgekehrt.

Schon damals haben die vormalige Bürgermeisterin und die BVV eine weise Entscheidung getroffen, das Haus als Tafelsilber zu behalten und kostenneutral von der Gesellschaft für Stadtentwicklung verwalten zu lassen. Durch unsere Mieten wird eine Vollzeitstelle als Hausmeister finanziert, der auch die Bibliothek mit versorgt. Das Haus und die Fassade werden langsam mit unseren Mieten saniert. Immer mehr von uns können expandieren und Personal einstellen, Aufträge an ihr unternehmerisches Umfeld abgeben und insgesamt den Kiez mit (ruhigen) Dienstleistungen versorgen. Die Mieten steigen regelmäßig und sind gemessen am Standard den ortsüblichen Mieten angeglichen. Bundes- und europaweit reisen regelmäßig Delegationen an, um das Haus und das Projekt zu begutachten. Neben der Weiberwirtschaft e.G. in Mitte ist das UCW in Charlottenburg – Wilmersdorf ein Aushängeschild für den Bezirk und die Stadt. Es wäre schön, wenn die neue BVV wieder eine ähnlich weise Entscheidung wie vor der Gründung im Jahr 2003 treffen und von der geplanten Vernichtung dieses Standortes absehen könnte.

Rechtsanwältin Judith Brander

Fachanwältin für Sozialrecht

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One Response to “Judith Brander – Rechtsanwältin”

  1. Viktoria Brams Says:

    Ich kenne das Haus seit 2006 als Kundin und von Veranstaltungen. Das vielfältige Angebot hat mich immer wieder positiv überrascht. Für meine journalistischen Recherchen habe ich dort gleich auf ein ganzes Netzwerk von Kompetenzen zurückgreifen können. Es wäre geradezu tragisch, wenn der Bezirk dieses tragfähige Vorzeigeprojekt, das die Immobilie enthält, einem sinnlosen Verscherbeln opfert. Wer verkauft schon in dieser Zeit Immobilien?!?!?


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